Die Sage des Ritter Kuno zu Falkensteig

Als der hl. Bernhard von Clairvaux am Oberrhein das Kreuz predigte, beschloss auch Kuno von Alt-Falkenstein, ins heilige Land zu ziehen. Schon jahrelang hatte er in kinderloser Ehe gelebt und hoffte zuversichtlich, dass ihm der Himmel für seine Kreuzfahrt einen Erben schenken werde. So nahm er denn schweren Herzens Abschied von seiner Gemahlin Ida, brach zum Zeichen gegenseitiger Treue den Ehering und überreichte ihr die eine Hälfte mit den Worten, sie solle sieben Jahre lang auf seine Rückkehr warten, nach deren Verlauf dürfe sie als zuverlässig annehmen, dass er gefallen und somit ihre Ehe aufgelöst sei. Unter bitteren Tränen beschwor ihm Ida, was er verlangte, und alsbald eilte Kuno, sich dem großen Heereszuge anzuschließen.

Aber Krankheiten, Mangel an Lebensmitteln und das Schwert der Sarazenen richteten furchtbare Verheerungen unter den Pilgern an. Der Ritter Kuno selbst geriet in die Gefangenschaft der Türken. Zwar bot der Sultan, der den tapferen Kämpfer zu gewinnen suchte, demselben anfänglich die Hand einer Tochter an; als jedoch Kuno diese mit Abscheu ausschlug, zwang ihn der ergrimmte Vater zu den niedrigsten Arbeiten, ließ ihn sogar wie ein Zugvieh vor den Pflug spannen und die Geißel des Sklaventreibers über ihn schwingen. In solchem Elend vergingen sieben Jahre, als es endlich dem Ritter gelang, aus seinem Gefängnis zu entfliehen. Aber noch waren seine Prüfungen nicht zu Ende. Unkundig der Wege irrte er umher, bis er endlich mit seinen drei verloren geglaubten Knechten zusammentraf. Aber nun ergab sich ein neues Hemmnis; sie gelangten vor eine hohe Mauer, welche keiner für sich allein übersteigen konnte. Da halfen zwei Knechte dem einen, der umherspähen und Nachricht geben sollte. Kaum war er jedoch oben, als er höhnisch herunterlachte und jenseits verschwand. So ging es auch mit dem zweiten und dritten. Da wurde es dem Ritter klar, dass dieses nicht die Mauer des Paradieses sein könne, vor welcher einst Alexander auf seiner Fahrt nach Indien gestanden. Er schlug daher andächtig ein Kreuz, und gleich den Knappen verschwand auch die Mauer, und nur eine endlose Sandwüste breitete sich vor dem Ritter aus.

Erschöpft fiel jetzt Kuno in einen schweren Schlaf, und wie er aus beängstigenden Träumen auffuhr, in denen er sah, wie seine Gemahlin nach langem Widerstande nun doch gezwungen wurde, einem der übermütigen Nachbarn die Hand zu geben, da stand der Böse leibhaftig vor ihm und bestätigte ihm grinsend, was er im Traume gesehen. Von Sehnsucht nach der Heimat und der Gemahlin ging er schließlich auf den Vorschlag des Bösen ein, ihm die Seele zu verschreiben, wenn er auf der weiten Fahrt in die Heimat einschlafe. Augenblicklich öffnete sich ein tiefer Spalt in der Erde, unter Flammen und Rauch stieg ein Löwe empor, den Kuno bestieg und auf dem er hoch über Meer und Land dahinflog. aber der Weg aus dem gelobten Lande bis an den Schwarzwald ist weit, und unmerklich wurde, so sehr er sich auch dagegen sträubte, der erschöpfte Ritter vom Schlafe beschlichen. Aber sieh! Da fliegt aus den Wolken ein Falke herab, der sich auf seinen Kopf setzt und mit Schnabel und Flügeln den Ritter wach hält. Schon wurde der Münsterturm zu Freiburg sichtbar. Dann gings flugs das Kirchzartner Tal hinauf, durch das Himmelreich in die Höllenschlucht, wo der Löwe, ergrimmt um seine Beute gebracht zu sein, den Ritter am Fuße seiner Feste absetzte und verschwand.

So einsam es nun in der Tiefe war, so lärmend ging es oben zu, wo sich bereits die Hochzeitsgäste dem rauschenden Jubel hingaben.

 Da meldete der Torwart einen Pilger, der aus dem gelobten Land komme und um einen erquickenden Trunk bitte. Da füllte Ida trotz des Widerstrebens der Gäste einen Becher mit Wein. Den leerte der Fremde auf einen Zug und legte den halben Goldring zum Danke hinein. Wie nun der Torwart den Becher der Gebieterin zurückbrachte, da erblickte sie des Pilgers Hochzeitsgabe; voller Ahnung warf auch sie den sorgsam aufbewahrten halben Ehering in den Becher, und siehe! die beiden Hälften vereinigten sich zu einem untrennbaren Ganzen.

Da eilte sie überglücklich mit dem Ehering hinaus an die Pforte und sank, um Verzeihung und Wiederaufnahme flehend, vor dem längst tot geglaubten Gemahl nieder. Während dieser sie unter Freudentränen emporhob, zerstreuten sich die unberufenen Gäste, und nur der treue Falke fuhr fort, die Wiedervermählten zu umkreisen, ehe er in die höheren Lüfte zurückkehrte.

Fortan wurde ihnen auch reicher Kindersegen zuteil; ein Bild des rettenden Falken, schnäbelnd und mit geschwungenen Flügeln, nahm Kuno aus Dankbarkeit, wie noch alte Pergamentbriefe ausweisen, in sein und seiner Nachkommen Rittersiegel auf.

 

Quelle:

Sagen und Märchen aus dem Schwarzwald

Hrsg. Gundula Hubrich-Messow